Home » Headline, Touren

Im Radtouren-Mekka

Submitted by on Donnerstag, 25 August 2016No Comment

Besuch bei der „Semaine Fédérale“ in Dijon

SF_2016.08.05_004_Place_undenhKlein war sie, aber fein, die Delegation der Orient-Radler bei der größten Radtouristik-Veranstaltung der Welt. Karl-Peter und seine Frau Ute, Michael, Jimi und Jo erlebten besondere Tag an der Côte d´Or. Hier der Bericht.

12.000 radfahrende Menschen bei einer einzigen Veranstaltung? Liegt irgendwie jenseits meiner Vorstellungskraft. 350 Radler habe ich schon erlebt, eine Zweier-Reihe, die sich kilometerlang hinzog. Mit 34 multipliziert ergibt sich eine gut 50 Kilometer lange Zweierreihe. Rein rechnerisch zumindest. Trotzdem schwer vorstellbar. Jetzt wollen wir´s erleben. Wir, das sind 34 rheinland-pfälzische Radlerinnen und Radler auf dem Weg zur sogenannten Semaine Fédérale in Dijon, an der außer uns weiter knapp 12.000 Radler teilnehmen, vorwiegend Franzosen, aber nicht nur. Man sieht auch Gruppen aus Belgien, Luxemburg, England, Schweiz, Österreich, ja sogar China. Die folgenden Ausführungen erzählen in tagebuchähnlicher Form die Erlebnisse des Autors. Die Radtouren selbst absolvierte er in einer kleinen Gruppe seines Vereins, die aus vier bis fünf Mitgliedern bestand.

Ein heißer Beginn: Als mich mein Sohn am vereinbarten Treffpunkt des Mainzer Messegeländes ablieferte, standen da nur zwei einsame Gestalten mit Tourenrädern und Gepäck, die sich als Thomas und Frank vorstellten. Wenige Minuten später aber rollten die Ebersheimer heran – und zwar mit dem Rad. Ihr Reisegepäck wurde gleichzeitig im Vereinsbus angeliefert. Als „Chauffeuse“ diente Sandra Sprinkmeier, nebenbei bemerkt sechsfache Kunstrad-Weltmeisterin. So was ist beim RVE ganz normal, schließlich nahmen auch Sandra`s Eltern an der Fahrt teil. Das Verladen der Räder in den Fahrrad-Anhänger erwies sich als problematisch und zeitraubend. Wir hätten uns ein professionelleres Gefährt vom Busunternehmen gewünscht. Alleine das Verladen dauerte eine Stunde. Aber was soll´s, dachten wir: Schließlich sind wir im Urlaub und nicht auf der Flucht. Die Fahrt selbst verlief unproblematisch und sehr harmonisch. Mit der Harmonie war es erst vorbei, als die Besitzer einiger Räder merkten, dass ihre guten Stücke Transportschäden aufwiesen. Ein Fall (hoffentlich) für die Haftpflichtversicherung des Busunternehmens.

In Dijon hatte sich die schwül-heiße Witterung, die uns auch in Mainz in den Tagen zuvor gequält hatte, nicht nur gehalten, sondern sie war noch extremer. Hinzu kam, dass wir mit dem Bus nicht bis nahe an die Unterkunft kamen, sondern das Gepäck, teilweise Radkoffer etc. ca. 300 Meter bergan zum Studentenwohnheim schaffen mussten, in dem wir wohnten. Der Schweiß rann in Strömen, jede Pore gab sozusagen Vollgas. Das verglaste Treppenhaus war durch die Sonne quasi zum türkischen Dampfbad geworden. Unsere Zimmer lagen im 4. Stock, kein Fahrstuhl vorhanden. Also hieß es, alles Gepäck durch das Dampfbad bis ganz nach oben schleppen. Für mich war dann noch das Fahrrad aus dem Koffer zusammenzubauen und ebenfalls nach oben zu schaffen. Dann schnell duschen und ab ins Dampfbad zwo, sprich Mensa, zum Glück nur 200 Meter entfernt, in der mehrere tausend Radler bereits vor ihrem Abendessen saßen. Für unsere Entscheidung, das Abendessen in der Mensa einzunehmen, haben wir uns quasi täglich selbst gratuliert. Zu günstigen Preisen gibt es ein vollständiges und leckeres Menü, Wasser und auch reichlich Tischwein – super!

Noch viel besser und liebenswürdiger sind auch die vielen freiwilligen Helfer: Extrem hilfsbereit, extrem freundlich, es ist eine Freude, ihnen zu begegnen. Es gibt viele hunderte von Ihnen und sie sind überall, wo man sie braucht. Michel Fleuret ist einer davon. Er steht unserer Gruppe als gut deutsch sprechender Helfer zur Verfügung. Er wohnt in einem Dorf (Fixin) bei Marsenay, das eine Partnerschaft mit Schweich hat und ist seit Jahrzehnten sehr engagiert im deutsch-französischen Partnerschaftsverband. Ein guter Service speziell für unsere Gruppe: Alle Tickets für die Mahlzeiten, Bus etc. mussten wir nicht in der zentralen Ausgabestelle abholen, sondern sie wurden uns von Jacky übergeben, einem weiteren Freiwilligen, der als Wohnheimchef fungierte. Auch der für alle anderen obligatorische 100-Euro-Pfand für den Zimmerschlüssel entfiel für „les Allemands“. Die Zimmer sind für unsere Zwecke ideal: Bett Schreibtisch, Duschbad, Toilette, Kühlschrank – was will man mehr? Als äußerst hilfreich erwies sich die Wochenkarte für Bus und Tram. Die Tram führt unmittelbar an unserem Wohnheim vorbei. So erreicht man mühelos und schell die Innenstadt oder den riesigen Supermarkt in der Gegenrichtung.

Sonntag 31. Juli

Auf geht’s zur ersten Etappe. Es hatte über Nacht einige Male leicht geregnet und ganz gut abgekühlt. Der Himmel war bedeckt, aber es gab unterwegs nur einmal ein paar Tropfen, die niemanden störten oder gar dazu brachten, die Regenjacke anzuziehen. Zunächst rollten wir gemütlich zur Zentrale der Semaine, der sogenannten Permanence. Je näher wir kamen, umso zahlreicher wurden die Radler. Durchschnittsalter deutlich über 60. Bei uns sieht man solche Leute meist nicht mehr auf dem Rad, schon gar nicht in Fahrradklamotten. Hier wirft sich jeder in Maillots und Cuissards, setzt sich auf zum Teil abenteuerliche Drahtesel, meist jedoch auf Rennräder jeden Alters und los geht’s. Es gibt Fahrer und Fahrerinen, die wohl kaum 40 Kilo wiegen, aber auch solche die vermutlich das Vierfache auf die Waage bringen. Es gibt viele, viele Tandems, oft werden damit Behinderte als zweite Fahrer mitgenommen. Crebralparetiker und Blinde vor allem. Man sieht Liegeräder, 2- oder 3-rädrig, E-Bikes, sowie Spezialkonstruktionen aller Art. Es gibt die klassischen Randonneure mit Stahlrahmenrädern, gerne älteren Baujahrs, mit soliden Schutzblechen, Gepäckträgern hinten und vorne, oft auch mit Taschen (weiß der Geier, was da drin ist). Auch einige Oldtimer-Rennmaschinen habe ich gesehen. Rückspiegel sind weit verbreitet, aber Vorsicht, sie werden in der Regel nicht benutzt, man hat vielmehr den Eindruck, sie dienten nur als Alibi für den Anspruch, mitten auf der Straße zu fahren. Die Trikots sind Teil der Velocyclisten-Kultur, weisen oft nicht nur auf den Club und den Ort, sondern auch auf die Region hin. Natürlich sollte man über Geschmack nicht streiten, trotzdem neige ich persönlich zu der Ansicht, dass einige der zu besichtigenden Textilien einen Spitzenplatz im Ranking der weltweit hässlichsten Trikots beanspruchen könnten.

Wir selbst sind natürlich Teil dieser bunten, fröhlichen und manchmal skurrilen Roadshow, ein Farbtupfer des unendlichen Lindwurms, der sich am Anfang des Tages quälend langsam durch die Stadt wälzt. Es ist egal, wie früh man startet oder wie viele Radler man schon überholt hat, den Anfang der unendlichen Radlerschlange kriegt man nicht zu Gesicht und das Ende natürlich auch nicht, egal, wie lange man zwischendurch im Café sitzt. Man ist immer mitten drin und nicht nur dabei. In verstärktem Maße trifft das zu, bis man sich am Morgen durch die Stadt Dijon gekämpft hat. Oft ist man erst bei der dritten oder vierten Grünphase über die Ampel. Am Abend, wenn wir längst unser Feierabendbier getrunken, geduscht haben und rausgehen, kommen immer noch Radler von der Strecke und am Morgen, wenn wir nach dem Aufwachen aus dem Fenster schauen, sieht man die Ersten schon wieder losfahren.

Es gibt an jedem Tag mindestens fünf unterschiedlich lange Parcours zur Auswahl, durchnummeriert von P1 (leicht), über P2 (mittel), P3 (schwer) usw.. Ab P4 sind die Strecke als „sehr schwer eingestuft). Die meisten der Radler fahren die leichte P1 (40 – 50 Km) oder die mittelschwere Runde P2 (rund 80 Km). Bis zur Teilung der Strecken bremsen uns diese eher gemütlich dahinrollenden Radler oft ein. Zwar fahren sie meist ganz rechts, werden aber von den etwas Schnelleren überholt, die ihrerseits von den noch Schnelleren passiert werden und so weiter. Wenn man schnell fahren will, muss man sich wahnsinnig konzentrieren und kommt trotzdem nur langsam vorwärts. Zu den Sachen, die einem am Abend weh tun, gehört nicht nur der Popo, sondern auch die Hände vom vielen Bremsen. Schlagartig frei wird die Straße, sobald dann auch der mittelschwere Parcours abbiegt. Denn die langen Strecken fährt nur eine Minderheit und diese schlagen schon alleine deshalb ein zügiges Tempo an, weil 130 oder gar 170 Kilometer ja erst mal gefahren werden müssen. Überholvorgänge sind seltener und unproblematisch. Oft bilden sich Tempogruppen, die vom Windschatten profitieren wollen, wenn man zügig unterwegs ist. Allerdings führen die Parcours irgendwann wieder zusammen und man wird wie zu Beginn des Tages wieder eingebremst.

Die Strecken des ersten Tages waren landschaftlich herrlich. Es ging in den bergigen Westen von Dijon, nach der Passage des Lac Kir und von Plombières-les-Dijon gings erstmal bergauf nach Lantenay und dann wartete bald eine ziemlich heftige Steigung zum Châteaux von Mâlain. Viele der „Radiergummis“ mussten hier vom Rad, aber auch sie wuchteten sich tapfer himmelwärts. Über die schöne wellige Hochebene, teilweise bewaldet, teilweise mit Weizen oder Sonnenblumen bepflanzt, teilweise als Viehweiden genutzt, ging es Richtung Sombernon zur nächsten Verpflegung. Davor wartete noch eine lange Steigung. Die Verpflegungsstation war proppenvoll. Als wir die tausende von geparkten Rädern sahen, entschlossen wir uns zur Weiterfahrt. Später stoppten wir an einem netten Bistro und aßen eine Lasagne mit Salat. Das hat sich bewährt, weshalb wir es danach öfter so hielten. Später ging es hoch zum Châteauneuf und wieder runter ins Tal der Ouche. Das ist wegen des unmerklichen Gefälles eine 15 Kilometer lange „Rollerstrecke“, die wir mit einem Schnitt von etwa 35 runterbrausten. Dann aber mündete der mittelschwere Parcours in unseren und kurz darauf auch der leichte. Die letzten 20 Km ging´s den Radweg am Kanal entlang. Wir versuchten zwar, unser Tempo hoch zu halten, aber das war gefährlich, weil es auch entgegenkommende Radler gab und der Weg nicht sehr breit ist.

Die Gemeinden putzen sich teilweise wunderbar heraus für die Semaine Fédérale, Schmücken ihre Straßen, stellen bunt angemalte alte Räder an die Strecke, stecken Papierblumen dran oder in die Büsche. Überall winken und grüßen freundlich lachende Menschen. Das ist sehr sympatisch. Ebenso die vielen freiwilligen Helfer in den gelben „Semaine-Fédérale-T-Shirts“, die an den neuralgischen Punkten, den Verkehr regeln und einem im Vorbeifahren freundlich „Bonne route!“ zurufen und von uns immer ein freundliches Lächeln und ein „Merci“ zurückbekommen. Abschlussbier – auch das entwickelte sich zum Ritual. Am Sonntag saßen wir unweit des Palais des Ducs, des monumentalen alten Herzogspalastes.

 

Montag, 1. August

Der Montag war so was wie der Tag der schlechten Straßen. Immer wieder Sektionen mit brutalem Geholpere über miserable Straßen zehrten an der Kondition und quälten Material, Popo und Gelenke. Es herrschte überwiegend schönes Wetter, nur einmal fielen aus einer schwarzen Wolke ein paar Tropfen. Wir passierten viele malerische Dörfer, das vielleicht Schönste ist Bèze. Hier kommt der bis dahin unterirdisch fließende gleichnamige Fluss an die Oberfläche. Am Quellbecken steht auch eine Büste von Felix Kir, der hier Priester war und später nach Dijon ging und dort auch als Bürgermeister seine Spuren hinterließ. Der Kir, ein von ihm kreiertes Getränk aus mit Cassis-Likör verfeinertem Wein, und der Lac Kir haben seinen Namen längst unsterblich werden lassen. In vielen Dörfern bringt die Tour willkommene Zusatzeinnahmen für die Gastronomie. So genossen wir unsere Mittagsrast auf einem Dorfplatz mit Musik und Bratwürsten.

Übrigens: Partnerstädte passierten wir massenhaft, z.B. Auxonne (Heidesheim), Seurre (Bodenheim), Messigny-et-Vantoux (Harxheim) und verspeisten mit großem Genuss am Abend einen Käse aus Epoisses (Partnergemeinde von Lörzweiler)

Dienstag 2. August

Heute geht’s in die legendäre Weingegend der Côte d´Or. Am Montag waren wir bewusst eher spät losgefahren, um dem Anfangsstau zu entkommen. Am Dienstag versuchten wir es eher früh. Genützt hat es nichts. Für die rund 30 Km nach Nuits-Saint Georges (Partnerstadt von Bingen) brauchten wir über zwei Stunden. Wir durchfuhren Weinorte wie Marsannay oder Gevrey-Chambertin, deren Produkte sich in Feinschmeckerlokalen weltweit finden und die Organisatoren wollten uns die malerischsten Winkel zeigen. Mit dem Ergebnis, dass wir nur im Schneckentempo vorankamen.

Kurz hinter Nuits-Saint-Georges entschlossen wir uns, den Parcours vorerst zu verlassen und eine Abkürzung zu nehmen. Das war eine gute Idee. Wir rollten ein landschaftlich herrliches und sehr ruhiges Tal entlang, das lange Zeit nur sanft anstieg. Erst die letzten zwei Kilometer bevor, wir den 150 Km-Parcours erreichten, ging es steil bergan. Hier oben im Gebirge waren kaum noch Radler unterwegs und außerdem waren wir durch die Abkürzung weit vorne, so dass wir es unbeschwert laufen lassen konnten. Durch die schroffe Felsformation im Hinterland von Gevrey-Chambertin ging´s runter in den berühmten Weinort. Dort liefen die Parcours wieder zusammen und wir brauchten dringend was zu essen, so dass der letzte offizielle Verpflegungspunkt wie gerufen kam. Auch dort war es noch eher leer, so dass wir schnell und problemlos zu Schinkensandwich und Cola kamen. Live-Musik gab´s auch wieder. Wir kamen mit zwei Franzosen ins Gespräch. Der eine hatte einen Sohn, der im bergischen Land mit einer deutschen Frau lebt. Der andere kam aus Sarthe und dieser Ort hat eine Partnerschaft mit Spay bei Koblenz. Auf dem Trikot des Vereins war sogar der Partnerort Spay aufgedruckt. Der Rückweg führte lange am toll zu fahrenden Radweg längs der Ouche entlang.

Mittwoch, 3. August

Bislang wohl der schönste Tag. Die Nacht war eher frisch, ließ uns tief schlafen und ausgeruht aufwachen. Am Morgen herrschte klares und sonniges Wetter, das uns durch den ganzen Tag begleiten sollte. Wir fuhren um 9.00 Uhr los, also relativ früh und waren positiv überrascht, dass wir kaum Radlerstaus hatten. Allerdings ging es heute auch nach Nordwesten, was uns die Durchquerung der Stadt ersparte. Auf der Straße war auch relativ wenig Betrieb, zudem waren Straßen gut und wenig befahren, so dass wir schnell ins Rollen kamen. Die heutige Etappe ging Richtung Quelle der Seine durch bergiges Gelände, also relativ viel Kletterarbeit, dafür aber immer wieder mit herrlichen Ausblicken. Allerdings hatten wir auf der Höhe, die oft frei von Wald war, ordentlich Gegenwind. Toll waren auch die langen Abfahrten, allerdings auch nicht ganz ungefährlich, weil die Straßen nicht so glatt sind wie bei uns und auch häufig Rollsplitt-Ecken haben. Am Ende einer solchen Abfahrt fanden wir auf einem Dorfplatz einen schönen Platz für unsere erste Kaffeepause. Bald danach trennten sich die einfacheren Parcours. Für uns ging es nach einer kleinen Abfahrt ruppig bergauf, rund 18 %. Einer der Teilnehmer vor uns fuhr sich so kaputt, dass er, als er trotzdem absteigen musste, aus Schwäche einfach seitlich ins Gebüsch kippte. Nach rund 20 Kilometern passierten wir die Quelle der Seine. Wir fuhren zügig weiter bergab, bergauf bis wir schließlich auf der Landstraße landeten, die ich schon häufiger gefahren bin auf dem Weg von Nordwesten nach Dijon. Die Straße rollt super, steigt dann aber an, erst ganz seicht, was tückisch ist, denn man erwartet, dass es flach bleibt und tritt einfach härter aufs Pedal, um das Tempo zu halten. Es wird aber nicht mehr flach, sondern immer steiler und diese Steigung hält dann rund 10 Kilometer bis zum Bergdorf Pasques. Wir sind da echt hochgerast, weil wir uns zusammen mit einigen Franzosen in eine Art Bergzeitfahren verwickeln ließen. Meinen Begleitern hat das sichtlich gefallen, aber ich persönlich war komplett am Anschlag und froh, als wir endlich oben waren. Die Abfahrt ist schön, wegen der schmalen und schlechten Straßen und des nun wieder dazustoßenden P2-Parcours mit seinen Radlermassen aber auch gefährlich. Sie führt an senkrechten Felsen vorbei durch das malerische Bergdorf Baulmes-la-Roche. Unser Abschluss-Bier tranken wir diesmal am Lac Kir, schönes Plätzchen, aber mit sechs Euro für ein großes Radler (Panaché) teuer.

Am Abend folgten wir einer privaten Einladung unserer Freunde aus dem Radclub CSC Dijon Alain und Fabienne. Im Garten der beiden trafen wir viele weitere Bekannte: Michel und Danielle, Alain und Laurence, Hajo und Evelyn, Phillipe und Noelle, Maurice (Momo) und einige weitere Teilnehmer der Semaine aus Nantes und der Bretagne, die sich für die Semaine bei Alain und Fabienne einquartiert hatten. Ein unglaublich netter Abend mit vielen Köstlichkeiten in ess- und trinkbarer Form.

Donnerstag, 4. August

Die 12.000 Wahnsinnigen machen Picknick am Lac Kir: Deshalb sind nur zwei kleine Routen vorgeschlagen, aber die Wetterprognose ist eher ungünstig. Wir haben uns entschlossen, heute mal die Finger vom Rad zu lassen. Stattdessen besuchten wir die Permanence, schauten uns die sehr interessante Ausstellung, bei der alle möglichen Dinge rund ums Rad angeboten werden: Fahrräder, Elektroantriebe aller Art, Hupen Klingeln, Einbauteile, die aus normalen Kombis Campingmobile machen, Klamotten, Helme, Ernährung usw.

Dann fing der Magen schon an zu knurren. Also ging’s Richtung Lac Kir. Bis zum Hauptbahnhof kein Problem, danach fanden wir aber nicht die passende Buslinie und so entschlossen wir uns, die rund 4 Km zum Picknick-Gelände zu Fuß in Angriff zu nehmen. Das Picknick, naja – Essen im Grünen halt, wie an den Servicestation der Etappen -, aber das überreichte Lunchpacket lecker. Dann begann es leicht zu tröpfeln, wir suchten und fanden die Bushaltestelle. In Dijon angekommen, hatte es sich richtig eingeregnet. Am Nachmittag sollten im Velodrom von Dijon Bahnrennen stattfinden. Ich schlug mich im Schnürlregen bis zur Radrennbahn durch, aber in der nicht überdachten Betonbahn wären Rennen viel zu gefährlich, so dass sie abgesagt wurden. Ich war inzwischen pitschepatschenass. Was sich auf dem Rückweg zur Straßenbahn natürlich nicht besserte. Dann dachte ich mir, nasser als nass geht eh nicht, da könnte ich also gleich durchfahren bis zum Grand Marché und dort meine Milch- und O-saft-Vorräte wieder auffüllen. Es ging aber doch noch nasser: An der Haltestelle stand das Wasser inzwischen fünf Zentimeter hoch, weil es nun goss wie aus Kübeln und das sollte sich bis in die Nacht hinein ohne Pause fortsetzen.

Aber wozu gibt es Wetter-Apps? Am nächsten Morgen soll ab 10 Uhr die Sonne rauskommen. Danach wollen wir auf die 120-Km-Runde gehen, kürzer als sonst, aber immerhin mit über 1.600 Höhenmetern ausgestattet. Die Route am Samstag ist dagegen nahezu flach. Deshalb wollen wir uns zum Abschluss noch mal an der langen Strecke mit 160 Kilometern versuchen.

Freitag, 5. August

Die Wettervorhersage traf exakt zu. Beim Frühstück regnete es noch, bei unserer Abfahrt um 10 Uhr schien bereits die Sonne. Der Parcours heute war extrem schön, allerdings trotz seiner am Ende nur 128 Km anstrengend, nicht nur wegen der wegen vielen Kletterpartien, sondern auch wegen des zusätzlichen starken Windes. Es war trotzdem eine Traumrunde. Abschlussbier an der alten Kathedrale beim Theater, heute Sitz der Handeskammer und Museum.

Ein Höhepunkt war die 10 Km lange Abfahrt von Pasques. Irgendwie eine Gratwanderung zwischen Temporausch und Vernunft. Das Tempo, der schlechte Straßenbelag, die zu Überholenden, der Gegenverkehr, das kitzelt die Nerven.

Samstag, 6. August

Wunderbarer Abschluss einer wunderbaren Radwoche: Zusammen mit Michel Fleuret, den wir erst vor einer Woche als einen unserer Betreuer kennengelernt hatten, brachen wir um 8 Uhr zur letzten Etappe auf, so früh wie noch nie in dieser Woche. Wir hatten uns die P5 vorgenommen, die längste und schwierigste der Tagesstrecken über 160 Km. Wobei die Schwierigkeit eigentlich vor allem in der Länge bestand. Die Strecke selbst war leicht, weil völlig flach. Entsprechend zügig gingen wir es an. Sobald die Straße ein wenig freier wurde ging das Tempo auf über 30 und da sollte es für den Rest der Runde auch meist bleiben. Michel harmonierte super mit uns dreien, kam bestens mit. Er fühlt sich aber offenbar hinten in der Gruppe nicht wohl, sondern fährt lieber vorn an der Spitze. Er folgte nur selten unseren Vorschlag, sich ablösen zu lassen, bis er sich zwangsläufig manchmal im Windschatten ausruhen musste. Mehrfach bildeten sich Tempogruppen, die schönste nach der letzten Verpflegung. Alle fuhren sicher und ohne Schlenker, vorne wurde regelmäßig gewechselt, so dass das Tempo oft jenseits der 40 Km/h lag, die man aber im Windschatten bequem mitfahren konnte. So war denn auch die Länge der Strecke letztendlich gut zu schaffen.

In Auxonne lief der Parcours in verschiedenen „Schritttempo-Schleifen“ durch den Ort, der wirklich sehenswert ist. Auxonne ist eine alte Festungsstadt und es gibt auch heute noch militärisch genutzte Areale. In der gemütlichen Altstadt machten nicht nur wir eine Cafépause. Eine kleine Runde drehten wir auch in Citeaux, einer Abtei, die als Gründungsort der Zisterzienser eine große Bedeutung hat. Die historischen Gebäude sind größtenteils zerstört worden. Es gibt aber noch rund 20 Mönche dort, so dass das Kloster selbst nicht zu besichtigen war.

Tja, das Abschlussessen! Ein Ereignis, das auf jeden Fall sein Geld wert war, sowohl, was das Essen selbst anbelangte, als auch das Erlebnis, mit 1.500 bestens aufgelegten Radlern in einer riesigen Halle zu sitzen und zu speisen. Zum vielgängigen Menü, serviert von einer Hundertschaft Freiwilliger, wurde gesungen, Reden gehalten und natürlich applaudiert. Irgendwann spielte die Musik auf. Die älteren Franzosen – und um solche handelte es sich bei den Gästen überwiegend – sind nach wie vor begeisterte Tänzer. Die Tanzfläche quoll geradezu über. Zudem bildete sich eine riesige Polonaise. So beschwingt bliebt die Atmosphäre auch, als nach drei Stunden der Café serviert wurde, der zu einer gepflegten französischen Mahlzeit obligatorisch dazu gehört und der gleichzeitig das Signal zum baldigen Aufbruch setzt. Selbst dabei sah ich eine Reihe von Franzosen nicht einfach gehen, sondern ausgelassen und fröhlich aus der Halle tanzen.

Comments are closed.