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Kleine Besetzung – Großes Vergnügen

Submitted by on Mittwoch, 3 Oktober 2012No Comment

Saisonausklang bei der Rallye des Vendanges

Von Jo Friedsam

Die diesjährigen Vorbereitungen für den Besuch der „Rallye des Vendanges“ unseres Partnerclubs CSC Dijon standen zunächst unter einem ungünstigen Stern. Es hagelte Absagen: Gesundheitliche Probleme, Terminschwierigkeiten, Reise-Unlust – Gründe gab´s zuhauf – solange, bis nur noch Jimi und meine Wenigkeit übrigblieben. Wir aber waren fest zum Besuch unserer Freunde entschlossen können im Nachinein nur sagen, schade, dass Ihr nicht dabei wart – es war Spitze!!

Wie immer hatten wir am Freitagabend eine Zwischenstation eingeplant. Unsere Wahl fiel dieses Jahr auf Bourbonne les Bains. Bei unserer „Orient goes Dijon-Tour“ 2008 – der kleine Kurort war damals Ziel unserer dritten Etappe – war uns aufgefallen, wie schön die Gegend um Bourbonne ist. Jimi hatte im Internet einen Touren-Vorschlag gefunden und wir nahmen die 102 Km nach dem Frühstück am nächsten Morgen in Angriff. Nach einer klaren Nacht war es noch sehr frisch, der Frühnebel stieg aus den Wiesen und Wäldern, von der Herbstsonne nur zögernd aufgelöst.

Aber Gerhard-Günter G.Armin – unser mittlerweile unersetzlicher Tourenguide – zeigte mal wieder, was in ihm steckt. Über zum Teil kleinste Nebensträßchen führte er uns souverän durch eine Hügellandschaft, in der sich Viehweiden mit einzelnen Waldstücken, kleine Flüsse mit Seen abwechseln. Und noch was: Leute, wenn Ihr Fleischliebhaber seid, esst Rindfleisch aus Frankreich, die Tierchen haben es dort richtig gut – satte grüne Wiesen und eine in Deutschland kaum noch irgendwo anzutreffende Ruhe. Stress ade, nicht nur für die Rindviecher, sondern auch für uns!

Tiefenentspannt packten wir unsere Räder nach 111 Kilometern und gut 1.100 Höhenmeter wieder ins Auto und gondelten die restlichen 125 Kilometer bis nach Dijon. Die Straßenbahn – neueste Errungenschaft der burgundischen Metropole – rollt zwar nach mehrjähriger Bauzeit mittlerweile geschäftig durch die Innenstadt, aber der Stau rund um den zentralen Place Darcy zu unserem „Hotel de Paris“ am Hauptbahnhof war leider immer noch da.

Vor dem Einschreiben im Clubheim bummelten wir noch ein wenig durchs Zentrum, das nur so brodelte von Geschäftigkeit. Ein Café au lait im Straßencafé, Radler rollten vorüber, darunter auch Eric, einer unser Mitradler von der Tour de l´amitié. Bevor wir ihn richtig erkannt hatten, war er aber auch schon wieder weg. Zu Fuß ging´s dann zum Clubheim von CSC Dijon, wo wir reichlich gute Bekannte trafen und herzlich begrüßt wurden. Schon vorher hatten wir eine Einladung zum Abendessen mit der „Crème“ des Clubs angenommen. Es wurde ein wunderbarer Abend unter Freunden.

Am nächsten Morgen schälten wir uns zeitig aus der Heia und starteten um 7.40 Uhr unsere Tour durch die weltbekannte Weinbau-Region südlich von Dijon. Das Wetter heiter bis wolkig, die Stimmung bei allen Beteiligten prächtig. Mehr als 900 Teilnehmer/innen wurde nachher gezählt, der beste Besuch der Rallye seit vielen Jahren. Und wir mitten drin, d.h. allmählich immer weiter vorne, denn wir machten ordentlich Fahrt und überholten ständig. Im Anstieg hinter Gevry-Combertin aber wurden wir auch selbst überholt. Bergauf sind die Franzosen keine Freunde von Traurigkeit, da wird auf Anschlag gefahren. Wir dagegen sparten unsere Körner, denn wir wollten die 150-Km-Runde fahren, die wir noch nie absoviert haben.
Bei jeder Kontrollstelle wurden wir von den Chantalisten begeistert begrüßt, Schulterklopfen und Händedrücken von den Männern, Küsschen von den Frauen. Schnell noch ein Erinnerungsfoto und schon ging´s weiter. Die 151 Km-Runde unterscheidet sich von den 125 Kilometern nur durch eine zusätzliche 25 Km-Schleife bei Nantoux, aber die hat es steigungsmäßig in sich. Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes ist eine 20 %-Rampe, bei der ich mir sehnlichst ein Dreifach-Kettenblatt gewünscht hätte. Selbst „Bergfex“ Jimi bekannte, dass sich die Bewältigung dieser Passage auch bei ihm nicht mehr wie Radfahren anfühlte. Entsprechend meldet mein Radcomputer schon bei einem Kilometerstand von 85 Km das Überschreiten der 1200 Höhenmeter- und der 2000-Kalorien-Grenze. Die Steigung nach der zweiten Passage des Kontrollpunktes Nantoux kennen wir schon aus den vergangenen Jahren, aber ich hätte schwören können, dass der Berg seither steiler geworden ist. Gerhard-Günter G.Armin sagte aber nur was von 17 % an der steilsten Stelle und 12 % im Schnitt.

Aber dann wurde es immer angenehmer. Was zum einen daran liegt, dass die giftigen Rampen hinter uns lagen, zum anderen daran, dass Villiers vor uns lag. Denn dort gibt es Mittagessen, in diesem Jahr: Boeff Bourgignon mit Gemüse, einen Apfel-Tarte, Baguette und Brie, ein Gläßchen Sangria, ein Gläßchen Rotwein und hintendrauf einen Café. Noch Fragen?
Bauch an Beine: „Muss noch verdauen, Ihr könnt jetzt nicht arbeiten!“ Beine an Bauch: „Wir müssen aber, das blöde Gehirn will es so!“ So richtig kavaliersstartmäßig kamen wir zugegebenermaßen nach dem Mittagessen nicht weg. Es fühlte sich ausgesprochen zäh an und der sehr heftige Gegenwind tat ein Übriges. Nach einigen „Arbeitskilometern“ ging´s aber endlich bergab nach Nuits-Saint-Georges, Gelegenheit für den Darm, die ersten Nährstoffe vom Mittagessen Richtung Beinmuskulatur zu schicken. Und siehe da: Wir kamen noch mal richtig ins Rollen und brausten mit vollem Karacho an den vielen Gruppen vorbei, die meist kürzere Strecken absolviert hatten, denn so kurz vor Dijon laufen die meisten Strecken wieder zusammen. Für den letzten Kontrollpunkt hatten sich die Organisatoren wieder was Neues einfallen lassen. Eine große Käserei lud zu Verkosten von Käse und Rotwein. Im Foyer und im Gastraum herrschte Jubel, Trubel und Heiterkeit – und die letzten paar Kilometerchen nach Dijon waren wie immer nichts weiter als ein Ausrollen mit dem guten Gefühl, nicht nur die anvisierten Kilometer einigermaßen souverän bewältigt zu haben, sondern auch eine weitere unvergessliche Auflage der Rallye des vendanges und einen wunderschönen Tag im Fahrradsattel erlebt zu haben.

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