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Bergauf, bergab und auf´s Podest

Submitted by on Dienstag, 4 September 2012No Comment

Reinhard´s rastloses Racingjahr

War es eine gute Idee zu den langen Distanzen zu wechseln? Bei den Marathons über 200-250 km werden die Köpfe mit den grauen Haaren schon weniger und Rennradfahren beginnt erst bei 150km, hat Jens Voigt einmal gesagt.
Also wollte ich es im ersten Jahr bei den Senioren 4 noch einmal ausprobieren und fuhr schon in der Vorbereitung im Winter die langen Strecken und im Frühjahr – nach Malle – kam langsam die Form. Die Höhepunkte hatte ich mir für den Juli/August gesetzt, aber erst mal kamen im Mai/Juni drei Flachland-Marathons. Nachdem die gut liefen, ging es ab zum ersten Alpen-Marathon, dem Engadiner in der Schweiz über 200km und drei Bergen der ersten Kategorie.
Die Wettervorhersage war nicht gut, nach dem Aufstehen dann 3 Grad plus und ein rabenschwarzer Himmel über den Bergen. Aber jetzt wird auch gefahren. Als negative Überraschung erwartete mich ein Startplatz im vorletzten Startblock, so dass ich an der Startlinie gleich mal mehr als 10 Minuten Rückstand auf die in der Cupwertung Führenden in der Altersklasse hatte. Entsprechend schnell fuhr ich los, bis mir beim Aufstieg zum Ofenpass klar wurde, dass ich in dem Tempo niemals die 200 Km fahre. Rausnehmen oder die 100 Km fahren, so schnell wie möglich? Mit Blick auf das Wetter entschied ich mich für die schnellen 100 Km. Vor dem Aufstieg zum Forcula befand ich mich mit einem 31iger Schnitt unter den Bergspezis aus dem ersten Startblock. Nur noch den Bernina, aber und dort fing es an mit Graupel und Regen. Viele Teilnehmer standen hier in Decken gehüllt und warteten auf – ja auf was eigentlich? Ich habe noch nie so gefroren, wie bei der folgenden 40 Km-Abfahrt im strömendem Regen. Ich habe gezittert vor Kälte, hatte aber eine gute Gruppe und war bei keinem der vielen Stürze dabei. Bei der Ankunft in Zernez konnte ich dann einen knappen 29iger Schnitt und ein Platz unter den ersten zehn der Agegrouper verzeichnen, trotz (s.o.) mehr als 10 min. verspäteter Startzeit.
Hoch zufrieden ging es deshalb weiter nach Nauders zum Bergtraining. Die Runde des Dreiländergiros stand auf dem Trainigsplan.
Zwei Wochen später bildete der Giro delle Dolomiti die nächste Station auf meiner „Tournee“, ca. 800 km, 6 Etappen und ca. 13.000 Höhenmeter. Jeden Tag ein Bergzeitfahren. Ich durfte wieder im hervorragend organisiertem Team Niddatal mitfahren. Die Voraussetzungen waren Top.
Mein Ziel war, unter die ersten fünfzehn zu kommen. Im Weg standen unter anderem die Pässe Valles, Fedaia, Maso Corto im Schnalstal, Grödnerjoch, Campolongo, Pordoi, Sella und Würzjoch. Um es vorweg zu nehmen: Es war ein Erlebnis. Fast ohne Autoverkehr, gut beschützt von Begleitfahrzeugen auf dem 9. Platz von 80 Teilnehmern in meiner Klasse zu landen. Ich darf mich nun zu den Guten bei den Rundfahrten zählen.
Da musste ich doch mal ausprobieren, wie lange die Form anhält. In Bayern, in der Nähe von Anstatt, findet jährlich ein Drei-Etappenrennen mit mehr als 800 Radrennfahrern, Skatern und Läufern in getrennten Rennen statt.
Und es lief gut: Im Zeitfahren über 15 Km fuhr ich Bestzeit bei den Senioren 4 und übernahm die Führung in der Gesamtwertung. Auch beim Bergrennen konnte ich mich gegen die Bergflöhe dursetzen und behielt die Gesamtführung der Altersklasse. Die letzte Etappe führte über 85 Km und endete mit einer Bergankunft. Diesmal durfte ich auch mal in die erste Startreihe. Um das Rennen schnell zu machen, waren hohe Zwischenprämien ausgesetzt. Hier galt es, vorne mit dabei zu sein falls sich eine Gruppe bilden sollte. So kam es, gleich in der ersten Runde machten die jungen Kerle Tempo, es bildete sich eine große Spitzengruppe und ich war dabei. Es war eines meiner harten Rennen und der Akku wurde nach den vielen Rennen langsam leer. Völlig ausgepumpt konnte ich auch diese Wertung gewinnen und feierte das mit einem schönen Weizenbier.
Meine Erfahrung ist, man kann mit 60 Jahren auch die langen Distanzen noch in Angriff nehmen. Allerdings braucht der Körper längere Zeiten zur Regeneration. Nun – am Ende der Saison – will er nur noch Grundlagen-Tempo fahren. Und das werde ich ihm gönnen.

Reinhard Becker

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