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Urlaub vor der Haustür

Submitted by on Dienstag, 13 Juli 2010No Comment

Gruppe vor SportschuleDrei Tage Radsporturlaub machen ohne einen Tag Urlaub nehmen zu müssen und das mit minimalem finanziellen Aufwand? Doch – das geht! Unlängst bewiesen von zwölf orientalischen Radlerinnen und Radlern, die drei Tage lang den Hunsrück zwischen Rhein, Mosel und Nahe erkundeten und dabei wunderbare Fleckchen entdeckten. Manchmal liegt das Gute wirklich nahe!

Freitag, 2. Juli, 17 Uhr:  Eine Reihe von Radlerinnen und Radlern trifft sich am Zeitungskiosk an der Breiten Straße in Gonsenheim – eine vertraute Szene für die Gonsenheimer, nicht jedoch für uns Radler, denn anders als sonst wird kein Rundkurs gefahren, sondern es geht ins Hunsrückdorf Seibersbach. Dort steht die Sportschule des Sportbundes Rheinhessen, in der wir uns fürs Wochenende eingemietet haben. Bei Übernachtungskosten von 9,50 Euro und Halbpension für weitere rund 13 Euro ein wahrhaft erschwingliches Vergnügen. Reinhard – die Waden gestählt vom Drei-Länder-Giro – hat am Vormittag schon den Gepäcktransport übernommen, ist anschließend zurück nach Mainz geradelt und führt uns – weils so schön war – gleich wieder nach Seibersbach zurück. Für ihn eine Tour weit in den dreistelligen Kilometerbereich, für den Rest relativ lässige siebzig Tageskilometerchen. Nach Ankunft, duschen und Abendessen klingt der Tag mit Fußball-WM im Fernsehen und gemütlichem Plausch aus.

Samstag, 3. Juni: Heute geht’s auf große Rhein-Mosel-Tour mit zweimaligem Erklimmen des Hunsrück und dem Schanzerkopf kurz vor Seibersbach als „Dach“ unserer Tour. Kaum haben wir die erste kurze Abfahrt zur Verbindungsstraße von Stromberg nach Rheinböllen hinter uns, kündet ein lauter Knall von einem kapitalen Reifenplatzer bei Rudis Schlauchreifen. Für Rudi – der dabei sogar im Straßengraben landet – ist die Tour damit beendet, bevor sie richtig begonnen hat. Wir anderen erreichen nach relativ entspannter Fahrt schließlich das Rheinstädtchen Bacharach. Von hier geht’s immer am Rhein entlang über Oberwesel nach St. Goar, wobei wir mit der Pfalz bei Kaub und der Loreley zwei Highlights des Weltkulturerbes Oberes Mittelrheintal passieren. Durchs wildromatische Gründelbachtal schrauben wir uns dann über 12 Kilometer wieder in die Höhen des Hunsrücks. Hier oben ist es zwar nicht ganz so heiß, wie im Rheintal, aber dafür gibt es praktisch keinen flachen Meter – es geht entweder hoch oder runter, aber rein gefühlsmäßig natürlich mehr hoch als runter. Bald durchqueren wir Emmelshausen, den Ausgangspunkt unserer letzten Adventswanderung und erreichen nach einigen weiteren „Bodenwellen“ endlich die kurvenreiche Abfahrt ins Moseltal. Backofenhitze schlägt uns entgegen. Als wir schließlich das Moselstädtchen Brodenbach erreichen, freuen wir uns auf eine gemütlich Rast in einem Café am Flussufer. Doch bald schon lockt das WM-Viertelfinale. Schland-O-Schland spielt gegen Argentinien, das wollen wir nicht verpassen. 80 Kilometer haben schon in den Beinen, 60 weitere sehr bergige Kilometer warten noch. Zunächst geht’s aber flach an der schönen Mosel entlang, wo uns nur die schwüle Hitze zu schaffen macht. Vor uns türmen sich riesige Gewitterwolken. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir Treis-Karden. Wir biegen ab und umkurven die Wolke. In der Hitze zieht sich der Anstieg schier endlos hin und wir sind froh, als es endlich wieder etwas flacher wird. KastellaunAllmählich werden die Beine müde und so kommt uns in Kastellaun ein Supermarkt gerade recht, um noch mal aufzutanken (manchmal bin ich dankbar, dass es Cola gibt). Mit doppeltem Tempo – teils wegen der Cola, aber auch, weil das Geläuf tatsächlich eher abfällt – geht es von Kastellaun nach Simmern. Die Stadtplaner von Simmern allerdings waren wohl der Ansicht, dass nach Erfindung des Automobils kein Mensch mehr ein anderes Verkehrsmittel benutzen wird. Die Hauptstraße in unsere Richtung ist eine vierspurige Autobahn und für Fahrräder gesperrt. So kämpfen wir uns auf betonierten Wirtschaftswegen Richtung Schanzerkopf, dessen sendemastgekrönter Gipfel schon von weitem zu sehen ist. Tja, da müssen wir noch rüber! Die letzten Reserven werden mobilisiert, bis wir schließlich den höchsten Punkt der Strecke erreichen. Das „Wintersportzentrum“-Schild am Parkplatz beweist, dass wir für Mittelgebirgsverhältnisse ziemlich weit oben sind. Jetzt geht’s nur noch runter – eigentlich! Den altgedienten „Orientalen“ ist die Strecke als Paarzeitparcours unserer Vereinsmeisterschaften noch in Erinnerung. RoutenplanungAllerdings lassen sich Einige von einer vermeintlichen Straßensperrung verunsichern und fahren noch mal einen Schlenker von zehn Kilometern, bevor schließlich alle müde, aber glücklich nach 140 bzw. 150 genialen Kilometern wieder die Sportschule erreichen. Genau rechtzeitig, um nicht in das Unwetter zu geraten, das gerade draußen losbricht. Vom Fußballspiel sehen wir leider nichts: Die Satelliten-Receiver verweigern wegen des Unwetters ihren Dienst, Bardo hält uns per Handy auf dem Laufenden, aber ab dem 3:0 glauben wir, dass er uns veräppelt. Nach leckerem Abendessen, Verdauungsspaziergang und Dämmerschoppen verkriechen wir uns bald müde in die Federn.

DämmerschoppenSonntag, 4. Juni. Heute müssen wir auf Reinhard, unseren unermüdlichen Vorfahrer verzichten, denn dieser fährt das Auto mit unserem Gepäck nach Hause. Wir dagegen freuen uns noch mal auf eine schöne Tour. Wir wären nicht wir, wenn wir dabei ganz profan den kürzesten Weg nach Hause nähmen. Nein – wir wollen auf bisher unbekannten verschlungenen Hunsrücksträßchen zur Nahe, um uns dann quasi von Süden nach Rheinhessen hineinzupirschen. So geht es zunächst Richtung Winterburg und wir lernen aufs Neue: Verschlungen heißt im Hunsrück auch immer hoch und runter. Schließlich erreichen wir Bad Münster am Stein und testen auch hier noch mal die Qualität von Cafè, Kuchen oder Eis (nicht zu beanstanden). Danach geht’s ein Stückchen durchs Alsenztal Richtung Pfalz, bevor wir das Appelbachtal queren und allmählich wieder heimische Gefilde erreichen. Am Ende bleibt bei mir nicht nur die Zahl 120 auf dem Tacho, sondern das Gefühl, drei wunderschöne Touren erlebt zu haben an einem Wochenende, das ein veritabler Urlaub war. Und alle waren sich einig: Das schreit nach einer Wiederholung im kommenden Jahr.

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