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Getestet und für gut befunden: Rallye des vendanges

Submitted by on Dienstag, 29 September 2009No Comment

VendangesGruppe1

Doch, wir mögen Boeuff Bourgignon – sehr sogar! Wir hätten uns  das Mittagessen bei der „rallye des vendanges“ (Weinlesetour) sehr gerne einverleibt, zumal es bezahlt war und wir im Ziel nach 130 Kilometern und 1.500 Höhenmetern einen Bärenhunger hatten. Warum es trotzdem nicht klappte, darüber später mehr. Zunächst so viel: Auch ohne Boeuff war die Reise von acht orientalischen Radlerinnen und Radlern zur Radtourenfahrt unserer Freunde aus Dijon ein unvergessliches Erlebnis.  Schon die Anreise am Freitag mit Übernachtung in Chaumont katapultierte uns binnen Stunden aus der alltagsgrauen Wirklichkeit in ein wunderbares frankophiles Urlaubsklima.

Nach einem feinen Abendessen in einem bretonisch gefärbten Restaurant und einer Nacht in Chaumont absolvierten wir am Samstag zunächst eine traumhafte Einrollrunde über 85 Km rund um den Ort ca. 80 Kilometer vor den Toren von Dijon. Dann ging es mit dem Auto zum Clubheim des C.S.C., wo uns unsere französischen Freunde bereits erwarteten. Wir haben uns zwar seit über einem Jahr nicht gesehen, aber die Begrüßung war so warmherzig, dass man das Gefühl hatte, man sei gerade mal zwei Wochen weg gewesen. Den Abend verbrachte jeder bei seinen „Gasteltern“, Sonja und Andreas bei Jean-Pierre, Evelyn und Hajo bei Alain, Ulla und Jimi bei Alain und Fabienne und Anja sowie meine Wenigkeit bei Michel und seiner Frau Danielle. Etwaige Ängste wegen der Sprachbarriere – nur Anja, Hajo und ich verfügen über nennenswerte Französischkenntnisse – waren nach dem ersten Apperitiv schnell überwunden, dann wurde allerorten geschlemmt und , zur Not eben mit Händen und Füßen, erzählt.

Am nächsten Morgen ging es früh aus den Federn, denn Punkt  8 Uhr wollten wir starten. Und siehe da: Pünktlich auf die Minute rollten sechs Orientalen vom Hof des Vereinsheims und machten sich bei reichlich frischen Temperaturen auf die 130Km. Hajo und Evelyn waren schon eine halbe Stunde früher losgefahren, weil Hajo fürchtete, dass er durch seinen sturzbedingten Trainingsrückstand unser Tempo nicht würde halten können. Zunächst ging es am Lac Kir (dem See von Dijon) und dem Kanal entlang. Wegen der niedrigen Temperaturen dampfte das Wasser, so das uns die Luft noch kühler vor kam. Um warm zu werden, schlugen wir ein ordentliches Tempo an, überholten andauernd kleinere Radlergruppen und zogen bald gut 50 Fahrer im Windschatten hinter uns her. Nach knapp 20 Kilometern verließen wir den Kanal und bogen ab in die Berge. Die erste Steigung war denn auch gleich ganz beachtlich. Sie brachte uns dafür aber auch endlich in die Sonne, die von da an unsere ständige Begleiterin war.

Die rallye des vendanges führt durch vier Regionen, die für die Bourgogne charakteristisch sind: Seen und Flüsse, Wald und Viehweiden, Weinbaugebiete und schließlich wieder der urbane Bereich um die Kapitale Dijon. Wir radelten jetzt bergauf, bergab durch eine land- und forstwirtschaftlich geprägte Landschaft, wunderschön und fast ohne Autoverkehr. Die französischen „Kolleginnen und Kollegen“ waren in der Regel etwas langsamer unterwegs als wir und schienen den Tag ebenso zu genießen wie wir. Immer wieder gab es ein freundliches „Bonjour“ oder „Salu“, verbunden mit der Frage, woher wir denn kommen.

Die Weinberge konnte man riechen, bevor man sie sah. Es war inzwischen sommerlich warm und Rebhänge duften halt überall gleich, ob sie nun in Harxheim liegen oder in Nuits Saint George. Weinberge können aber auch ganz schön steil sein. Das merkten wir spätestens nach der zweiten Verpflegung, wo uns Henri freundlich begrüßte und uns mit den Worten „ca monte un peu“ (es steigt ein wenig)  schonend auf die nächsten Kilometer vorbereitete. Glücklicherweise hielt er neben dem üblichen Wasser und Pfefferminzgetränk auch einen Schluck Weiswein zur Kräftigung bereit. So gewappnet konnte uns die folgende Steigung mit bis zu 18 Prozent nicht ernsthaft aus Rhythmus bringen. Mit der Zeit allerdings fordert das ständige Auf und Ab durchaus ein wenig Stehvermögen. Wer früh die Berge mit hohem Puls nimmt, büßt später dafür. Dann der dritte Verpflegungspunkt. Alles ganz normal: Wir naschten ein wenig vom Honigkuchen, probierten Baguettes mit Salami oder dem kräftigen Epoises-Käse und zerbrachen uns den Kopf, warum wir Evelyn und Hajo nicht getroffen hatten, die doch vor uns hätten da sein müssen. Dass die beiden in der Zwischenzeit um die Ecke in einem Gastraum saßen, sechs Plätze für uns reserviert hatten und genüßlich ihr „boeuff bourgignon“ verspeisten, ahnten wir nicht. Statt dessen schwangen wir uns wieder in den Sattel unserer Rädchen und nahmen den Rest der Streck unter die Räder. Selbst bei Rast 4 – betreut unter anderem von Alain 1 und 2 sowie deren Ehefrauen (es gab zu meiner Freude wieder ein Schlückchen „vin blanc“) schöpften wir keinen Verdacht, sondern freuten uns weiterhin auf die Fressorgie im Weinkeller kurz vor Dijon. Da die Straßen von nun an fast nur noch bergab führten, kamen wir schnell voran, fanden auch – durch Alain super informiert – prompt den Weinkeller, stürzten uns hinein und staunten, dass es dort zwar verschiedene Weine und kleine Häppchen gab, aber nichts, was irgendwie nach „boeuff bourgignon“ ausgesehen hätte. Erst da kam unsere Großhirnrinde langsam in Schwung und uns dämmerte, dass wir zwar einen phantastischen Tag erlebt, das integrierte „Große Fressen“ aber verpasst hatten. Weit mehr als wir selbst waren darüber unsere französischen Gastgeber entsetzt, für die ein gutes Essen ganz, ganz weit vorne steht in der Liste der Dinge, die das Leben lebenswert machen. Das ist einer der Gründe, warum sie so überaus sympathisch sind. Nachdem wir ihnen versichert hatten, dass wir nicht unmittelbar vor dem Hungertod stünden, einigten wir uns darauf, der Geschichte der „rallye des vendanges“ damit eine kleine Episode hinzugefügt zu haben, die man sich noch einige Jahre gegenseitig erzählen kann.

Bei der Siegerehrung am späten Nachmittag verkniff sich C.S.C. Präsident Michel – höflich, wie er ist – mit einiger Mühe den von mir vorgeschlagenen Gag, uns den Pokal für die dümmste teilnehmende Gruppe zu verleihen. Einen Pokal bekamen wir aber trotzdem – und zwar den für die Gruppe mit der weitesten Anreise, überreicht von der Dezernentin der Stadt Dijon Elisabeth Biot, die wir im letzten Jahr bereits kennen- und schätzen gelernt hatten.

Fazit der Reise: Wir kommen wieder zur rallye des vendanges, denn sie lohnt auch eine weite Anreise. Allen zuhause gebliebenen Orientalen kann ich nur sagen: Reserviert Euch schon einmal das letzte Septemberwochenende 2010. Ihr werdet es nicht bereuen!Dij09KanalDij09RalAktion1Dij09Rast1Dij09CaveDij09Pokal1Dijon09Pokal2Dij09MichelDijonCity

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