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Jedermann-Rennen Henninger Turm 2008

Submitted by on Montag, 5 Mai 2008No Comment

Profil Jedermann-Rennen 63 km Henninger Turm 2008

Profil Jedermann-Rennen 63 km Henninger Turm 2008

Reni & Cosmas starteten auf der wenig populären, bergigen 62km-Runde. Die meisten bevorzugen ja die flachen 73 oder prestigeträchtigen 100km; doch die 100er besteht im Grunde nur aus der 62er mit angehängter, fast völlig flacher Innenstadt-Runde, so dass nach den Bergen viel – zu viel, finde ich – Zeit für große Gruppen ist, eventuelle Ausreisser wieder einzuholen.

Abgesehen davon war uns die Hatz durch die Frankfurter Innenstadt auf teilweise engen Straßen auch einfach zu stressig, davon gab es ja am Anfang auf den ersten 12 km vom Main-Taunus-Zentrum bis Hofheim schon genug.

Wir „Kurzfahrer“ starteten gemeinsam mit den weitaus zahlreicheren 100km-Fahrern morgens um 8:40 Uhr. Reni und ich waren mit dem Zug bis Höchst gefahren und die paar km bis zum MTZ Sulzbach noch mit dem Rad. Das Wetter war besser als erwartet, so dass wir uns entschlossen, auf irgendwelche Jacken zu verzichten und direkt mit dem neuen Orient-Langarmtrikot + kurzen Hosen zu starten.

Der Pulk: 1500 Radfahrer auf dem Weg in den Taunus

Wegen der Anerkennung anderer Rennen, die ich gefahren war, durfte ich mich ganz vorne im sehr kleinen Startblock A aufstellen, Reni 2 Blöcke dahinter (komisch, trotz 4. Platz am Henninger 2003). Hier schlotterten wir dann doch erst mal. Endlich ging es, nach Ausfahrt aus dem Startblock und neuerlichem Zwischenhalt vor der Startlinie mit nicht sonderlich interessanten Smalltalk des Streckensprechers mit „Promis“ wie Klaus-Peter Thaler und Roland Koch, auch schon los und nicht übertrieben schnell die breite Straße Richtung Höchst hinab.

Ich kann es nicht ändern: ich fühle mich inmitten solcher Massen einfach nicht wohl. Zwar fuhr ich zunächst ziemlich an der Spitze der rund 1500 Starter, schaffte es aber spätestens in den winkligen Straßen von Zeilsheim und Kriftel, immer weiter nach hinten zu wandern, einfach dadurch, dass ich eben immer defensiv ein wenig Abstand hielt, wenn sich mal wieder einer von hinten vordrängelte. Das taten manche notfalls auch auf dem Bürgersteig. Wenn dann doch mal wieder ein Auto am Rand stand, sprangen diese Zeitgenossen dann ohne Rücksicht auf Verluste von der Seite wieder ins Feld, so dass es die üblichen Brems- und Staumanöver gab, ebenso, wenn andere Hindernisse am Fahrbahnrand auftauchten, mal wieder jemand eine Trinkflasche verlor oder was auch immer. Ich hasse es! Spätestens vor Eppstein muss ich hier raus sein!

Was war ich froh, als es nach 11 km endlich ins breite Lorsbachtal hinter Kriftel ging. Jetzt konnte ich auch sehen, wie weit hinten ich mittlerweile war: vor mir erstreckte sich ein Lindwurm von mindestens 300-400 Fahrern. Aber was ich gehofft hatte geschah: nach der letzten 90°-Kurve ins Tal hatte sich der Pulk noch nicht wieder richtig ausgedehnt, auf der linken Spur war noch etwas Platz. Als ein Polizeimotorrad hupend dort entlang nach vorne preschte und die Radlermassen teilte wie Moses das Meer, nutzte ich die Schneise, um mit einem kleinen Sprint innerhalb kurzer Zeit ebenfalls bis fast an die Spitze zu fahren. Keinen Moment zu früh, denn schon strömten die Wogen auch schon wieder zurück und vereinnahmten jetzt die ganze Straßenbreite. Zurückblickend sah ich Radler so weit das Auge reichte.

Interessanter war aber, was ich weiter vorne abspielte: 3 Fahrer hatten sich bereits abgesetzt und turnten gut 250 Meter vor dem Feld her. Sollte ich es wagen…? Noch während ich überlegte, fuhr einer kurz vor mir links raus. In solchen Momenten höre ich dann plötzlich auf mir irgendwelche Gedanken zu machen, abzuwägen, ob es vielleicht zu früh ist, ob man diese Lücke nur zu zweit schließen kann: Hinterher!

Das Rennen beginnt: Verfolgungsjagd durchs Lorsbachtal

Nachdem wir uns zusammengeschlossen haben, drehe ich mich um: keine Anstalten im Feld, uns zu folgen, aber die drei vorne, die unsere Flucht mitgekriegt haben, verlangsamen auch nicht, sondern scheinen entschlossen, sich nicht kriegen zu lassen. Mein Mitstreiter schert links aus, ich gehe nach vorne; nach 1 Minute bei Tempo 42-46 habe ich auch schon wieder genug, und das Spiel beginnt von vorne. Langsam, sehr langsam scheint der Abstand zu den dreien doch zu schrumpfen. Als ich wieder ablöse, drehe ich mich nochmal um: das Feld ist nur noch ein dunkler Fleck ganz weit hinten.

Wir rasen aus Hofheim heraus und durch Lorsbach. Ich muss immer wieder nach dem Abwechseln furchtbar kämpfen, um nicht abgehängt zu werden. Hin und wieder schiele ich auf den Puls, der zwischen 178 und 190 pendelt. Allein hätte ich womöglich schon aufgegeben, aber jetzt den Mitstreiter im Stich zu lassen und ins Feld zurückzufallen ist unmöglich. Nein, wir könnten es schaffen. Kurz vor Eppstein, nach rund 5 km Verfolgungsjagd, trennen uns noch 30 Meter, sie scheinen ein Einsehen zu haben und nehmen 2% raus; genug, um uns endlich mit einem letzten Wechsel ranzufahren und kurz zu verschnaufen. Es geht unter einer Bahnunterführung durch, vom Pulk ist nichts mehr zu sehen. Vorne wird abgewechselt, einer geht nach vorne und verschärft sofort das Tempo, aber jetzt, zu fünft, habe ich keine Probleme mehr damit. Dafür ein anderer der drei, er schnauzt ihn an: „Gleichmäßig, verdammt! Gleichmäßig, habe ich gesagt!“

Da werden wir auch schon von Motorrädern und Streckenposten mit Wimpeln bestens in die Altstadt von Eppstein geleitet. Hier muss der einzige Teil des Rennens kommen, den ich gar nicht kenne: der berüchtigte Schulberg. Zuerst aber geht es über extrem grobes Kopfsteinpflaster. Der „Anschnauzer“ vorne brettert drüber, ich dahinter. Mein Carbonrahmen gibt Schläge von sich, als wollte er auseinanderbrechen, die Flasche springt im Halter herum, aber zum Glück nicht heraus (wie bei der Abfahrt vom Kühtai vor 2 Jahren). Eine Kurve, wieder Asphalt, dafür ein eher sanfter Anstieg. Ist das schon alles? „Das ist doch kein Mountainbike-Rennen hier!“ ruft einer dem vorne zu. „Dachte ich aber grade“, meint der zurück. Die sind ja lustig drauf. Aber schon erweist sich, dass der eigentlich Anstieg erst jetzt kommt. Das ist der Schmerz-Berg informiert ein Schild, das Zuschauer am Rand halten. Hier stehen zum ersten Mal erstaunlich viele, doch ich habe keine Zeit, ihnen was Nettes zuzurufen: zwei weitere sprinten im Wiegetritt an mir vorbei. Holla, macht ihr nur! Ich bleibe lieber sitzen und schalte runter bis 34/23. Zwar will ich nicht abgehängt werden, aber der Berg scheint schon etwas länger zu sein, da halte ich lieber Haus mit den Kräften und fahre gleichmäßig so, wie ich es bei Bergzeitfahren auch mache. Puh, die 19% (manche behaupten 20) spürt man schon, aber zum Glück geht’s nicht zu lange so steil. Das war wohl auch die bessere Taktik, denn die 2 überhole ich schnell wieder und gehe als Zweiter in die Abfahrt durch Vockenhausen.

Dem Ersten kann ich dabei zwar nicht ganz folgen, wie immer nehme ich die Kurven in der schmalen Wohnstraße zu vorsichtig, aber abgehängt werde ich auch nicht. Wir fünf sammeln uns wieder und stoßen zusammen in Ehlhalten ins Tal gen Heftrich, das ich in- und auswendig kenne.

Die Gruppe zerfällt

Hinter Ehlhalten plötzlich ein Schatten, der links an mir vorbeiflitzt: es ist der „Anschnauzer“ von vorhin, der ungeachtet seiner „Gleichmäßig“-Ermahnungen den Anstieg anscheinend zu einem Ausreissversuch nutzen will. Klassische Situation: ich denke mach Du nur und sehe die andern an. Wir reagieren nicht, aber die Kraft vorne verpufft wohl recht schnell, mit einem zügigen, gleichmäßigen Tritt führe ich den Rest auch so wieder ran. Noch zwei, drei solche Hügel kommen bis Heftrich, immer bin ich bergauf vorne und merke deutlich, dass die andern mit den Steigungen mehr Probleme haben als ich – eigentlich fühle ich mich prächtig. Das beste ist, dass drei der vier eine 100km-Startnummer haben, nur einer also mir meinen Sieg streitig machen kann, wenn unsere Gruppe es bis zur Streckenteilung 3 km vor dem 62er-Ziel schafft. Und das kommt mir momentan, euphorisiert wie ich bin, ziemlich wahrscheinlich vor, wenn auch mittlerweile der Pulk wieder zu sehen ist, rund 500 Meter hinter uns.

Die Kuppe vor Heftrich nutze ich, um nochmal das Tempo anzuziehen; ich kenne diese Stelle gut und weiss, dass man hier mit maximalem Tempo in den Kreisel unten im Ort reinfahren muss, um den Schwung in den steilen Anstieg dahinter mitzunehmen.

Wieder schieben sich am Anstieg zunächst zwei im Wiegetritt an mir vorbei, einer davon der Fahrer in schwarz, mit dem ich bei Hofheim den dreien nachgefahren war. Ich drehe mich nach den andern beiden um – sie sind nicht mehr da! Müssen schon vor Heftrich rausgefallen sein. Dafür kommt jetzt der Pulk bereits aus dem Kreisel heraus. Ich lege einen Zahn zu, überhole die beiden wieder; Zuschauer rufen irgendwas, aber ich denke nur daran, diese Masse hinter mir abzuhängen.

Kurz bevor ich bin oben bin ein Blick zurück: keine Gruppe mehr, die Masse hat sie verschlungen. Ich ziehe den Reissverschluss zu und ducke mich in die Abfahrt. Kröftel, dann geht es weiter hoch, eine elend lange Gerade im Wind. Der Pulk ist direkt hinter mir, vielleicht noch 200 Meter. Auf der Böschung steht ein Motorradfotograf und richtet das monströse Teleobjektiv auf die fahrende Wand dahinten. He, ich gehöre auch zum Rennen! möchte ich ihm zurufen. Kapieren die überhaupt, dass der einzelne Radfahrer da vorne, der sich mit verkrampftem Gesicht so klein wie möglich macht und auch bergauf noch vor allem mit dem Wind kämpft, momentan die Spitze des 1500-Mann-Feldes ist? Wieder eine kleine Senke, dann die Kreuzung zur Bundesstraße hoch nach Glashütten. Vielleicht schaffe ich es wenigstens noch bis zum Ruppertshainer Berg! denke ich. Allerdings, nach dann mindestens 15 km alleine, werde ich denn dann noch irgendwas in den Beinen haben? Wäre es nicht besser, sich jetzt vom Feld aufnehmen zu lassen, um dann an der Ruppertshainer Bergwertung nochmal einen Angriff zu starten?

Aber vorher kommt ja erst noch die Abfahrt nach Schlossborn, die will ich unbedingt noch alleine fahren, weiss ich doch, dass ich ansonsten garantiert abgehängt werde.

Eingeholt

Es hilft alles nichts: den letzten langen Anstieg nach Glashütten quäle ich mich noch alleine vor dem Feld her – oder dem, was ich für das Feld halte; in Wirklichkeit ist auch dies eine „Spitzengruppe“ von vielleicht 100 Mann – , aber mit jedem Blick zurück wird der Abstand geringer; schließlich verdünnt sich die Gruppe an der Spitze hinter Glashütten zu einer Zweier- dann Einerreihe, die einen Rüssel zu mir schiebt und mich kurz vor dem Abzweig zu der schnurgeraden Abfahrt nach Schlossborn praktisch erreicht hat. Wenn sie wollten, könnten sie jetzt an mir vorbei, aber das hat ja keine Eile. Ich werde langsamer, beschleunige dann am Abzweig ein letztes Mal und hoffe, dass ich so wenigstens vorne bleiben kann.

Eitle Vorstellung; nach wenigen Sekunden zieht die Reihe an mir vorbei und lässt mir keine Möglichkeit, einzuscheren. Mit meinen 62 Kilo stellt sich mir Fahrtwind wie eine Wand entgegen, ich erreiche grade mal 78 km/h, während die Gruppe mit 85 vorbeizischt, darunter, wie ich feststelle, etliche mit 62er-Rückennummer. Irgendwann gibt es mal eine Lücke, ich reihe mich ein, halte aber gleich wieder zuviel Abstand, so dass sich erneut jemand reindrängt; und so geht es am Fahrbahnteiler am Ortseingang, an der scharfen Linkskurve raus und weiter bis zum Beginn der Bergwertung, die ich praktisch als Letzter erreiche.

Was hatte ich mir von der Bergwertung am Ruppertshainer Berg erwartet! Noch am Wochenende bin ich hier nach dem Feldberg hoch und habe Stan auf den 2 Kilometern mehrere Minuten abgenommen. Heute aber geht gar nichts. Gut, ich überhole 3 oder 4 Fahrer (witzigerweise 2 davon ebenfalls auf Cervélo R3 – keine gute Werbung für das Rad!) und eine kleine abgehängte Gruppe aus dem Juniorenrennen, das anscheinend zeitgleich stattfindet („Da kommt wieder einer! Mensch, das kostet doch!“). Oben komme ich wieder allein an, verliere bei der Abfahrt durch Ruppertshain mit ekliger 150°-Kurve den Rest komplett aus den Augen, nur ein weiterer Abgehängter ist noch vor mir. Wenn ich wenigstens den noch einhole! Ich gebe nochmal alles, habe ihn fast erreicht, da zischen die zwei, die ich am Berg überholt hatte, an mir vorbei, mit so hoher Differenzgeschwindigkeit, dass ich nicht reagieren kann. Der vorne dagegen dreht sich zufällig um, sprintet schon bevor sie ihn erreichen los und kann sich reinhängen – weg sind alle drei.

Allein ins Ziel

Irgendwo hinter Fischbach stoßen dann plötzlich die Fahrer der 34km-Runde von rechts auf die Strecke und trennen mich endgültig von der „Spitzengruppe“. Nochmal gibt es einen winzigen Berg mit Pflaster in Kelkheim, links ist guter Belag, aber als ich an den furchtbar langsamen 34ern vorbei will, versperren mir 2 dort den Weg. Danach ist die Strecke nur noch flach, der 34er-Pulk reisst trotzdem auseinander, ich arbeite mich von Grüppchen zu Grüppchen voran, aber niemand dabei, mit dem man mitfahren könnte. Es kommt die Streckenteilung 100/62, die ich mir extra genau auf der Karte angesehen hatte, und anscheinend bin ich jetzt auch durch die 34er fast durch, denn vor mir ist fast niemand mehr. Bei der Einfahrt ins MTZ zögere ich: plötzlich habe ich 2 Autos vor mir! Bin ich hier noch richtig, oder habe ich jetzt doch noch ein Hinweisschild übersehen? Einer der 34er überholt mich, gut, vielleicht ist es ja doch richtig, mit Leichtigkeit fahre ich wieder vorbei, „Endspurt“ auf’s Ziel zu, das man erst sehr spät sieht, das war’s.

Von den 62 km bin ich nur 13 im Feld gefahren, 5 km hat die Verfolgungsjagd zu zweit gedauert, und nochmal 13 km dann die 5er-Gruppe gehalten; die restlichen 30 km war ich mutterseelenallein, 11 davon vor, 19 hinter der Spitzengruppe.

Ergebnisse

Cosmas Henninger08Wie sich herausstellte, war die „Spitzengruppe“ wohl doch nicht so groß und nur relativ wenige 62er-Fahrer darin. So reichte es dann doch noch zum 7. Platz gesamt und 2. in der Altersklasse HM1 mit einem Schnitt von 37,48 bei 246 gewerteten Fahrern. Erstaunlich ist dabei, dass die 6 vor mir alle zusammen ins Ziel gekommen sind, und zwar nur 39 Sekunden vor mir. Die Gruppe war also gar nicht so weit weg und muss eher langsam gefahren sein, wenn sie trotz Behinderung meinerseits durch die 34er und keinerlei Windschatten nicht mehr herausgefahren hat. Oder aber es kam zu einem Taktieren auf den Schlusssprint hin, da auf den Flachstücken keiner mehr mit einem erfolgreichen Ausreissen rechnete.

Zwei der sechs traf ich vor und bei der Siegerehrung. „Warum seid Ihr denn nicht mitgekommen in Heftrich?“ fragte ich den Fahrer in schwarz, mit dem die Verfolgung der drei begonnen hatte und der jetzt vor mir ins Ziel gelangt war. „Das war einfach zu schnell.“ Hm. Wieso dann überhaupt erst die Flucht? Der andere beglückwünschte mich bei der Ehrung für den starken Auftritt: „Du bist ja die ganze Zeit vor uns her gefahren, schade, dass es nicht gereicht hat.“ Das kann man sagen…

Man kann ein Rennen anscheinend auch verlieren, wenn man zu schnell ist…

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