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Tour de Mur

Submitted by on Samstag, 9 Juli 2005No Comment

von Wolfgang Törnig

Nein, wer erwartet, an   dieser Stelle von totalen Leiden lesen zu können, liegt falsch. Natürlich ist die Tour de Mur keine Kaffeefahrt, immerhin ist es ein Ultra-Radmarathon. Es wäre auch fatal gewesen, die Strecke zu unterschätzen, aber es gibt halt doch andere Kaliber.

Zur Erklärung: die Tour de Mur (Österreich, Lungau) findet jedes Jahr einmal statt.   Dabei hat man zwei Optionen; die Drei-Tages-Tour, besonders für die geeignet, die schöne Touren mit dem Besuch von Lokalen und Heurigen kombinieren wollen, und die Eintagestour, bei der man die Strecke von ca. 340 km als Orientierungsfahrt in maximal 12 Stunden bewältigen muss. Derjenige, der das geschafft hat, darf sich dann offiziell „Tourminator“ nennen. Eine Offizielle Zeitnahme und Platzierungen gibt es nicht, aber dem geneigten Leser sei gewiss, es wird trotzdem so gefahren.

In diesem Jahr haben ungefähr 2000 RadfahrerInnen die Drei-Tages-Tour und etwa 150 die Tourminator-Variante gewählt.

Die Strecke verläuft immer im Murtal. Start ist in der Gemeinde Muhr auf ca. 1100 m.ü.nN. Die ersten 170 km sind wellig mit zum Teil knackigen Steigungen, ab km 240 ist es dann bis zum Ziel bis auf ein / zwei Anstiege topfeben. Die Schwierigkeit liegt somit in der zu fahrenden Geschwindigkeit. Einmal aus einer Gruppe rausgeflogen hat man praktisch keine Chance mehr. Aber tritt man dort als Team an, so ist das ein tolles Erlebnis!

Sonja und ich reisten drei Tage vor dem Event an und konnten so noch vorher ein paar schöne Touren fahren und den einen oder anderen Pass genießen. Das Schönste war, den Kopf von dem alltäglichen Stress freizubekommen und sich seelisch auf die Tour vorbereiten zu können.

In unserem Hotel ist der Wirt selbst ein begeisterter Radfahrer. Samsonman, Tour de Mur und Langlauf betreibt er wann immer er die Zeit dafür hat. Da waren natürlich sehr interessante Fachgespräche angesagt – kurz und gut – die Tage waren einfach klasse. Zudem hat der Wirt – er ist dort auch der Koch – sich auf mein Vorhaben eingestellt und mir abends immer das Richtige zu Essen gekocht.

Am Nachmittag des Vortages bezog sich dann der Himmel und es fing sehr stark an zu regnen. Es regnete wirklich bis weit in die Nacht hinein und die Wetteraussichten waren nicht so positiv, als dass man den Regen beruhigt als „längeren Schauer“ abtun konnte. „Aber mal ehrlich; ich bin nicht den langen Weg angereist, um mir Sorgen um den Regen zu machen. Schließlich gibt es keine gefährlichen Abfahrten und auf 340 km wird es dann auch sicher mal anderes Wetter geben“. Das habe ich mir halt immer und immer wieder gesagt und ich hab’s dann auch geglaubt…..

4:00 Uhr. Der Wecker klingelt und ich bin wirklich wach (schon ein wenig Adrenalin?) Zum Frühstück gibt es eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne und – HIPP-Brei (Griesbrei mit Apfelstückchen). Das war ein TIPP von unserem Deutschen Rekordhalter und RAAM-Bewältiger Stefan Lau. (Stefan, ein guter Tipp). Unheimlich viel Kalorien, belastet den Magen nicht, schmeckt aber auch nicht wirklich. Aber o.K., die Ernährung war mit das Entscheidende auf der Tour, der Zweck heiligt also (in diesem Fall) die Mittel.

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Sonja, die den Begleitwagen fährt, packt alles griffbereit ein und los geht es. Wir fahren zum Startort; ein bisschen spät, wie sich herausstellt. Mit den ganzen Vorbereitungen, Flaschen auffüllen, Rad aufpumpen etc. gerate ich etwas in Hektik; ich setzte beim hinteren Laufrad den Adapter zum Aufpumpen falsch an und schraube erst fest, dann wieder los und habe das Innenteil des Ventils in der Hand (noch 5 min bis zum Start) Bis ich registriert habe, dass das alles nicht so schlimm ist, vergehen endlose 30 Sekunden, dann habe ich das Alles wieder im Griff – und bin wach. Eine letzte Umarmung von Sonja und ich rolle zum Start.

Ich reihe mich ein, versuche mitten im Pulk zu fahren und mich zu orientieren. Wo liege ich im Feld, wer fährt um mich herum, wem traue ich nicht das Fahren im Pulk zu. So geht es die ersten Kilometer in schönem Tempo los. Ich sehe immer so um die 40 auf meinem Tacho, was wirklich sehr geruhsam ist, geht es doch die ersten Kilometer stetig schön bergab und im Feld spürt man die Geschwindigkeit nicht. Erste Unterhaltungen werden geführt, man wird halt langsam wach. Hinter uns ca. 20 Begleitfahrzeuge, vorne weg ein Polizeiwagen und das Tourfahrzeug. „Was ein Spaß!“ denke ich bei mir. 20 km weiter erleben wir dann einen fantastischen Sonnenaufgang in den Bergen; so schön, dass das ein Thema im Fahrerfeld ist.

„Das kann doch nicht so weitergehen“, denke ich, „so einfach kann es nicht bleiben“. Bleibt es auch nicht. Nach Tamsweg, einer Ortschaft ca. 25 km nach dem Start, fühlt man sich vorne „genug eingerollt“, nun kann es also losgehen. Ich hätte es eigentlich ahnen müssen, denn einige Kilometer vorher begannen einige Teams, sich so langsam nach vorne zu schieben, was gleichbedeutend mit dem „Durchreichen“ nach Hinten meinerseits war. Alles nicht so schlimm, das Feld war ja noch eng zusammen und es ging nur leicht bergauf. Dann eine Baustelle, Fahrbahnverengung, Berührung von zwei bis fünf Radlern, Aufprall eines Radlers auf ein Auto und Vollbremsung meinerseits. Kein Sturz also meinerseits, aber 30 Mann sind vorne weg. Leider geschah das auch noch oben auf einer Kuppe, von nun an ging es lange bergab. Zusammen mit etwa zehn anderen Fahrern, die wohl die gleiche Strategie wie ich hatten (bis zum ersten Kontrollpunkt immer vorne mitfahren) nahm ich die Verfolgung auf. Gutes Teamwork, Geschwindigkeiten zwischen 50 und 60 und ein Puls jenseits der 175 brachten uns nach etwa 5-6 Kilometern wieder an die erste Gruppe dran

Der vor uns liegende Streckenteil war wellig. Ich war froh, immer dranbleiben zu können, was mir aber immer schwerer viel. An der ersten Kontrollstation war dann ziemliches Gedränge, weil jeder natürlich sofort seinen Stempel haben wollte. Äh, ich würde ja gerne mal „Wasser lassen“, wartet Ihr? Mit der Frage hätte ich wohl den Witz des Tages gerissen. Aber die Natur fordert Ihr Recht und so schwingen sich viele schon wieder aufs Rad, während ich noch am „Strassenrand stand“. Aber ich war dann doch nicht der Einzige und so gings zusammen wieder mal ans aufholen.

Ein paar Kilometer später war dann entgültig Schluss für mich. An einer Steigung mit etwa 6% (HAC sei Dank) konnte ich nicht mehr mithalten und in der Erwartung von weiteren 245 km schien es mir auch ratsam, nicht nach 100 km völlig platt zu sein. Also, Strategie zweiter Teil; fahre Dein Tempo und warte auf die nächste Gruppe. Sonja hatte ich zu dem Zeitpunkt verloren: sie kam wegen des Unfalls nicht an den Radlern vorbei und musste bis zum ersten Kontrollpunkt quasi hinten bleiben. Zeit, das Handy rauszuholen und Meldung zu geben. Ich hatte zunächst noch die Hoffnung, dass ich im Windschatten des Autos die erste Gruppe wieder einholen könnte, aber da Sonja so weit hinten dran war, verwarf ich den Gedanken.

Nach ein paar Minuten sah ich hinter mir eine Gruppe auftauchen, der ich mich dann anschloss. Mein Glück war, dass sie die TdM nicht zum ersten Mal fuhren und so die nötige Ortskenntnis besaßen. Als wir dann richtig auf den Radweg zweck Tunnelumfahrung mussten, nahmen wir das Tempo etwas raus und unterhielten uns ein wenig. Die Gruppe war aber nicht „homogen“ beim fahren und ich habe immer wieder um meinen Fahr-Rhythmus kämpfen müssen. Sonja kam dann immer wieder hinter uns angefahren und ich konnte so mal die langen Handschuhe loswerden und ein Brot „in Empfang“ nehmen. Tja, und dann kam, was kommen musste, ich musste wieder abreißen lassen. Mit den Worten „wenn’s weh tut, dann mach langsamer, es ist noch weit“ verabschiedete sich der letzte noch von mir. Das tat ich dann auch und fuhr so etwa 10 km alleine.

Kurz vor der Kuppe eines Hügels zog eine weitere Gruppe an mir vorbei. Wie sich dann herausstellte, waren das die „Ritzelfuchse“ aus der Nähe von Altötting, auch das erste Mal dabei, aber mit erstklassig durchgeplanter Streckenplanung. Da hing ich nun also dran. Es waren auch noch ein paar andere Fahrer dabei und ich hatte im Ort Knittelfeld dann die Qual der Entscheidung, an wen ich mich nun halte, da sich die Gruppe aufspaltete. Ich entschloss mich, den Ritzelfuchsen nachzufahren, weil ich am Tag vorher, bei der Ausgabe der Startkarten aufgeschnappt hatte, dass das ein gutes Team sei. Ich vermutete daher, dass sie die TdM schon öfter gefahren waren. Nein waren sie nicht, die Entscheidung war aber trotzdem richtig.

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Auf den vielen gemeinsamen Kilometern kam dann auch das eine oder andere Gespräch auf. Einer der Radler war gebürtig aus Wiesbaden, Ihn hatte es beruflich nach Altötting verschlagen. Es war so ziemlich der Einzige, den ich ohne Probleme wegen des Dialektes verstand, bei den anderen war Nachfragen des öfteren angesagt.

Die Ritzelfuchse waren eine sehr aufeinander abgestimmte Truppe. Alle fast gleich stark und wer sich halt gerade sehr stark oder noch am stärksten fühlte, fuhr halt länger vorne. Äh, ich fuhr lange Zeit nicht oft und nicht lange vorne. Zwischen km 170 und km 220 war ich richtig platt. So war ich wirklich manchmal froh, überhaupt noch mitzukommen. Wenn einer von den Ritzelfüchsen nicht mehr nachkam, wurde natürlich gewartet. Bei mir war das natürlich nicht so. Entweder ich kam mit oder eben nicht. An einem Anstieg (ausgerechnet da stand auch noch Sonja und fotografierte) musste ich mal wieder abreißen lassen. Mein Glück war, dass danach eine steile Abfahrt kam, in der ich die Gruppe wieder einholen konnte.

Bei Bruck mussten wir wegen einer Schnellstrasse wieder den Radweg weit abseits der Strasse fahren, wo Sonja mit dem Auto nicht „bei mir“ sein konnte. Hier hat sich für mich deutlich gezeigt, wie wichtig es psychisch ist, jemanden in seiner Nähe zu wissen, gerade, wenn man eine Schwächephase hat. Wie froh war ich, das wohl bekannte blaue Auto aus den Augenwinkeln zu sehen. Das mir angereichte Brot und die Abnahme meiner Armlinge tat das Übrige zu meinem Wohlbefinden.

So erreichten wir Graz. Ampel nach Ampel. Beschleunigen, abbremsen. Aber das hatte auch etwas Gutes; ich hatte die letzten 25 km mit Krämpfen im Oberschenkel zu kämpfen, weil ich in meinem Bemühen, an der Gruppe dranzubleiben, zu wenig getrunken hatte. An jeder Ampel habe ich getrunken, bin abgestiegen und habe Dehnübungen gemacht – mit Erfolg, Nach Graz war alles wieder soweit in Ordnung. Außerdem ging es jetzt nur noch flach weiter und da das „mein Ding“ ist, kam ich sehr gut zurecht.

In der gleichen Woche fand – sozusagen als kleine Nebenveranstaltung – die Österreichrundfahrt für die Profis statt. An diesem Tag war der Zielort wie bei der TdM Bad Radkersburg und teilweise fuhren wir die gleiche Strecke. In einem Ort, in dem eine Sprintwertung war, waren wir nur ca. 5 min vor dem Feld. Viele, viele Zuschauer waren am Strassenrand und auch wenn einige laut „Tour de Mur, hopp,hopp,hopp“ riefen, kann ich mich bis heute nicht des Eindruckes erwehren, dass viele dachten, wir seien eine Ausreißergruppe. Sie feuerten uns an, dass es eine reine Freude war. Unglaublich, welche Motivation das gab; ich hatte stellenweise Gänsehaut und war so unglaublich glücklich in diesen Momenten, einfach klasse! Den anderen ging es nicht anders….

Kurz nach der Sprintwertung holten uns die Führungsmotorräder der Profitour ein und teilten uns mit, dass wir nun die Strasse verlassen mussten. Kein Problem, wir hatten die letzte Kontrollstelle erreicht und bei einer Banane und Gel sahen wir das Feld mit Team Mobile an der Spitze an uns vorbeifliegen.

Die letzten Kilometer 30  km nahmen wir jetzt sehr motiviert und gutgelaunt in Angriff. Wir passierten kleine Orte, in denen immer wieder Menschen am Strassenrand standen, uns zuwinkten und uns anfeuerten. Eine fahrradbegeisterte Gegend

In Bad Radkersburg wurden wir via „Tourminator-Schildern“ auf den Marktplatz geführt, wo das Ziel lag. Dort gaben wir unsere Kontrollkarten ab und bekamen unsere Trophäe, einen schönen Orden mit der Aufschrift Tourminator 2004, 340 km nonstop.

Sonja wartetet schon auf mich und nahm mich sozusagen in Empfang. Das Schöne an der TdM ist, dass sie immer terminlich mit dem Bad Radkersburger Stadtfest liegt. Das bedeutet, dass auf dem Marktplatz bei der Ankunft schön gefeiert wird, man noch zusammensitzt und feiert.

Wir hatten ein Zimmer in einer Nebengasse vom Marktplatz, und so gings erst einmal unter die Dusche und dann zum feiern…

Tja, das war sie also, die Tour de Mur. Ich werde sie sicher wieder einmal fahren; für diejenigen, die  größeres vorhaben, kann die TdM eine gute Vorbereitung sein. Für Ultra-Marathon-Einsteiger wie mich ist sie wohl ideal.

Ach ja, auf der ganzen Strecke hat nicht ein Auto gehupt! Danke, Österreich!

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