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Nur der Tourmalet?

Submitted by on Dienstag, 9 September 2003No Comment

Carl sagte: Nur der Tourmalet? Das ist zu wenig! Lasst uns die Gelgenheit nutzen und auch noch den Aspin fahren.Die sind nahe beieinander und der Aspin ist bei weitem nicht so hoch. Der ist gerade gut zum Warmfahren. Thomas und Andreas stimmten zu, ohne die landschaftlichen Unebenheiten auf der Landstraße zu überprüfen (wo kämen wir denn hin, wenn man nicht einmal seinen Vereinskameraden mehr vertrauen kann?). Es stellte sich dann auch heraus, dass es stimmte: Der Aspin ist viel weniger hoch als der Tourmalet, nur 1.450 m, also völlig harmlos, einfach ignorieren, garnicht darauf achten! – Carl spinnt. Der Passgrund liegt bei 700 m, also 750 Höhenmeter. Der Wetterbericht ist gut, 37 – 38 Grad Celsius. in den Pyrenäen ist die Temperatur oben auf dem Pass etwas höher als die im Tal. Das macht Mut. Ebenso wie die Tatsache, dass wir mit Sven einen Nicht-Radler dabei haben, Fahrer unseres Begleitfahrzeuges, sozusagen unser Faktotum. Der immer da ist, wenn man ihn braucht, Helme am Beginn der Passstraße annimmt und oben zurückgibt, unter wegs Trinkflaschen aus dem Auto reicht, Mut zuspricht sich nach unserem Befinden erkundigt und, und, und… Kurz hinter Tarbes laden wir die Räder ab und machen uns fertig. Wir werden uns in Richtung Aspin ca. 25 km einrollen und dann geht’s los.

carlthomasandreas

Der Einstieg in die Passstrasse ist schön schattig und wir rollen mit rundem Tritt um die erste Kurve. Gerade als der Blick hoch zur Passhöhe sich auftut ruft Thomas „nicht hochsehe“ aber es war zu spät. Die Passhöhe befindet sich 750 m senkrecht über uns. Das ist ziemlich beeindruckend. Da die Steigung aber erträglich ist, wird nicht lange darüber nachgedacht sondern geradelt. Wir sind flott unterwegs und überholen einige andere. Carl verschärft das Tempo und ist weg, Thomas kurz darauf auch, Andreas etwas hinterher. Es sind 13 km bis zur Passhöhe, da kann man sich die durchschnittliche Steigung leicht ausrechnen. Das Ergebnis der Rechnung stimmt dann auch mit der Beschilderung, die alle km am Straßenrand steht überein und wir gewinnen rasch an Höhe. Ein weiteres Schild weckt unser Interesse. Des Französischen nicht wirklich mächtig übersetzen wir sinngemäß, dass ab jetzt mit freilaufenden Tieren zu rechnen ist und tatsächlich. Kurz darauf die ersten Kühe, Ziegen und Schafe auf und an der Straße. Kein Problem, Kacke umfahren und weiter geht’s. Mann, die Kuh ist ja riesig. Sie steht mit dem Hintern zu mir am Straßenrand. Der schlag ich gleich im Vorbeifahren mit der flachen Hand freundschaftlich auf die Flanke. Ein Riesenvieh, sehr muskulös und irgendwie erscheint mir das Euter furchtbar schmal und dünn. Wow, das ist gar keine Kuh sondern ein Bulle. Ich kann meine schon zuckende Hand (die den freundlichen Klaps erteilen will) gerade noch so zügeln und wechsele blitzartig die Straßenseite, gehe aus dem Sattel und suche das Weite. Das war knapp.

Die Sonne ist nun schon sehr stark und es ist bereits sehr heiß. Plötzlich ist da Sven und ruft uns „Courage“ zu und macht Fotos. Ungefähr 1 km vor der Passhöhe wird es wieder waldig und wir sind für den Schatten dankbar. Dann ist die Passhöhe erreicht und wir pausieren ungefähr 10 Sekunden, also gar nicht und fahren weiter durch wunderschönen Hochwald in Richtung Tal und vor allem in Richtung Tourmalet. Nach dem Erreichen der Talsohle geht es in Höllentempo weiter. Sven ist direkt hinter uns und konnte uns nach eigenem Bekunden wirklich nicht überholen. Danke Sven, das hat uns Mut gemacht und Selbstvertrauen gegeben, an dem es zwar nicht mangelt, aber der Tourmalet ist ein anderes Kaliber als der Aspin. Es sind nur ein paar km bis nach St. Marie de Campan und dort beginnt der Aufstieg zum Tourmalet. Carl erzählt seit Tagen nichts anderes, als das die Profis bei der Tour de France von St. Marie de Campan zur Passhöhe 47 Minuten benötigten. Er macht den Eindruck als wollte er das auch so schnell oder schneller schaffen und entledigt sich seines Trikots (das stört nur, ich muss Gewicht sparen), dann ist er weg. Thomas und Andreas sehen sich etwas verblüfft an, aber wir wissen ja schon lange, das man bei Carl mit allem rechnen muss. Sven fährt mit dem Auto hinterher und auch wir fahren direkt los. Der Anstieg ist 18 km lang und überwindet 1500 Höhenmeter. Die Sonne knallt nun gnadenlos und es ist völlig windstill. Die Steigung ist zwar erträglich, aber die Hitze macht einen mürbe. Pause ist angesagt. Glücklicherweise ist da plötzlich ein Gasthaus und Andreas ruft Thomas, der ungefähr 100 m vor ihm fährt  ein kräftiges „Stop“ hinterher, das Thomas gerne akzeptiert. Wir setzen uns an der Straße in den Schatten wo sich Andreas (der Zitterer) erst mal beruhigen muss. Völlig platt. Im Gasthaus gibt es wunderschöne 2-Liter-Flaschen Wasser und wir kaufen 2 davon und trinken die in 15 Minuten leer. Dann kann es weiter gehen. Die Straße knickt nach kurzem nach links ab und wir sind im Schatten. Hier ist es wunderschön, so könnte es bleiben. Sven erscheint und erkundigt sich nach unserem Befinden. Er hat weiter oben 30 Minuten gewartet und sich dann Sorgen gemacht. Er berichtet, das Carl wie ein Verrückter unterwegs und schon fast oben sei. Nach einer weiteren Haarnadelkurve wird es steiler und wir unterfahren die erste Galerie. Hier irgendwo wurde die diesjährige Tour de France entschieden. Nun sehen wir auch die ersten Gemälde auf der Straße, die an die Tour erinnern.

In den Seitenwegen sitzen Familien beim Picknick und feuern uns an. Es wird noch steiler und in der Spitze haben wir auf dem Weg zu dem Wintersportort La Mongie wohl so 12 %. Da das Ende noch lange nicht in Sicht ist, halten wir noch einmal an und essen und trinken. Viel ist es nicht, was wir noch haben, aber das ist ja noch Sven, unser treuer Begleiter, der uns versorgt und jeden Wunsch von den Augen abliest. La Mongie ist erreicht. Es ist rätselhaft, wie man in hier seinen Urlaub verbringen kann. Der Ort ist gnadenlos zubetoniert und von unglaublicher Trostlosigkeit geprägt. Allerdings in grandioser Landschaft gelegen mit atemberaubenden Blicken über die Hoch-Pyrenäen und in direkter Nachbarschaft zum Pic du Midi de Bigorre, zu dem eine Seilbahn führt. Wir durchfahren den Ort und können nun erstmals die Passhöhe sehen, bis zu der es noch 4-5 km sind.

Die Hitze ist fast unerträglich und wir suchen Schatten für eine kurze Trinkpause. Wir werden fündig im Schatten des Betonmastes einer Seilbahn. Der Schatten ist ungefähr 50 cm breit und 30 m lang. Nachdem wir die Schafe und Ziegen von dort vertrieben haben, ist es für 2 Minuten ok, dann geht es weiter. Schon wieder kommt Sven. Er meint, Carl sei schon lange oben und es sei ihm langweilig. Wann wir denn kommen würden. Das Gespräch findet während der Fahrt statt und Thomas hängt sich, ganz Profi, an den Türpfosten des Autos und lässt sich ein gutes Stück ziehen. Mittlerweile sieht man vor lauter Malerei auf der Straße kaum noch den Asphalt. Es sind teilweise richtige Kunstwerke und da wir recht langsam unterwegs sind, können wir uns die Sache genau ansehen. Und dann sind wir endlich oben. Die Menschen rechts und links der Straße feuern uns an und wir fühlen uns wie Jan Ullrich.

Andreas sinkt auf der Passhöhe zu Boden und küsst den Scheitelpunkt der Straße. Carl lässt sich das Salz auf seiner Haut von den umherlaufenden Kühen ablecken, Thomas freut sich im Stillen und Sven fotografiert das alles – eine wunderbare Szene. Dann erklimmen wir die 3 m Hang zum Radfahrerdenkmal und sind megastolz auf das Vollbrachte. Carl hat eine geschlagene Stunde auf die anderen gewartet. Zieht man von dieser Stunde unsere Pausen ab, war er ¼-Stunde schneller als wir. Das hört sich erst mal nicht so doll an, dividiert man allerdings diese 15 Minuten durch die zurückgelegten Kilometer, bleibt ein Unterschied von ungefähr 1 Minute pro km und das ist ziemlich viel. Insgesamt benötigte Carl 1 Stunde und 20 Minuten. Da das Gasthaus auf der Passhöhe uns irgendwie nicht so anmacht, geht es sofort weiter in Richtung Tal und nun können sich Thomas und Andreas bei Carl revanchieren, der die Abfahrt nicht so liebt. Mit Tempo 80 geht es abwärts bis zum nächsten Ort. Dort gibt es eine schöne Kneipe, in die wir einkehren um uns gegenseitig von unseren Heldentaten vorzuschwärmen. Die Bedienung ist jung, attraktiv und hat einen mehligen Abdruck in Form einer Hand auf dem Po. Der Koch ist ihr Freund.

denkmalTourmaletStrasseTourmaletJan

Nach mehreren Biere Panaché sind wir wieder so weit hergestellt, das wir den Weg in Richtung Heimat antreten können. Nun ist es sehr windig geworden und man hat den Eindruck, als hielte jemand einen Fön ans Ohr. Wir machen noch einmal richtig Dampf und donnern mit Tempo 50 eine sehr schöne Strasse, entlang eines Gebirgsflusses bis zum nächsten größeren Ort. Dort werden die Räder verladen und die Klimaanlage im Auto auf volle Düse gestellt. Sven gibt Gas und nach 200 m stehen wir im Stau. Wir wollen uns nicht beklagen, aber musste ausgerechnet an dem Tag dort ein Radrennen stattfinden. Wir sehen die Trikots aller bekannter Profi-Teams und versuchen jemanden zu erkennen. Thomas meint mit Kennerblick: “GS3 oder Jugend“.

Dann ist die Straße frei und es geht in Richtung Atlantik.

tourmaletTourmaletAlledrei

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