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15. Auflage von Paris-Brest-Paris

Submitted by on Samstag, 16 August 2003No Comment

von Stefan Lau

Als ich am 17. August in St. Quentin d’Yvelines bei Paris ankam, war mir sofort klar, dass ich mich in einem echten Radsportland befand. Die Stimmung, die Organisation dieses größten und ältesten Radrennens Frankreichs und das Interesse am Radsport ist einfach unvergleichbar. Nach dem Radcheck abends um 17 Uhr ging es erst mal ab ins Hotel, um sich auf den folgenden Tag vorzubereiten.

Die Strapazen der ultralangen Strecke ins Gesicht geschrieben: Sefan Lau!

Die Strapazen der ultralangen Strecke ins Gesicht geschrieben: Sefan Lau!

Am Montagabend um 20 Uhr ging es für die erste Startgruppe –bestehend aus rund 1.000 Fahrern- auf die 1250km lange Reise in die Bretagne und zurück. Zudem waren über 10.500 Höhenmeter zu bewältigen. Von den insgesamt 4.176 Randonneuren waren rund die Hälfte aus Frankreich, 466 aus den USA und immerhin 202 aus Deutschland, gemeldet.
Und wie schon 1999 ging es gleich richtig zur Sache: Mit Tempo 40-50 km/h schossen wir durch die Nacht bis zur ersten Verpflegungsstation nach 141 Kilometern. Zeitweise konnte ich ganz vorne fahren – ein tolles Gefühl über 1.000 Radfahrer hinter sich zu sehen!
Durch die Hektik bei der Verpflegungsaufnahme zersplitterte jedoch das riesige Feld und es bildeten sich mehrere kleinere Gruppen. Ich war irgendwo in einer Gruppe von 15-20 Mann, welches dennoch ein sehr zügiges Tempo fuhr und ich konnte problemlos kräfteschonend mitrollen. Morgens um 4 Uhr plötzlich eine Schrecksekunde: Aus Unachtsamkeit ist einer in der Gruppe auf den Vordermann aufgefahren und gestürzt. Gleich einer Kettenreaktion sind 3 oder 4 andere noch drübergeflogen. Ich konnte gerade noch ausweichen. Auch mein Begleiter Peter Holy kam unbeschadet aus diesem Sturz heraus.

Als es wieder hell wurde befand ich mich mit Peter allein auf weiter Flur, was jedoch meiner Motivation keinen Abbruch tat. Meist von vorne fahrend zog ich kräftig am Horn und rollte geradezu “magnetisch” angezogen Brest entgegen, denn schließlich wollte ich nach spätestens 22 Stunden das erste Zwischenziel erreicht haben. In einem 31er Schnitt erreichten wir dieses gemeinsam – nach 15 Minuten Pause ging es weiter, doch wir kamen nicht weit: Peters Spinergy Laufrad war plötzlich defekt und wir mußten gut 1 ½ Stunden auf ein Ersatzlaufrad warten. Ich blieb bei ihm, obwohl es mir sehr weh tat, dadurch viele Platzierungen und eine bessere Endzeit aufzugeben. Na ja, aber manchmal muß eben auch Kameradschaft in einer schwierigen Situation standhalten.

Die Strecke zurück nach Paris war dieselbe wie der Hinweg nach Brest, und so kamen uns viele Radfahrer entgegen, die z.T. schon mehrere Stunden hinter uns lagen. Ausgesprochen schwierige Streckenabschnitte mit steilen Rampen und schlechtem Asphalt lagen vor uns, aber ich fühlte mich weiterhin sehr stark und machte meistens die pace von vorne. So holten wir Fahrer um Fahrer wieder ein, die während unserer unfreiwilligen Pause an uns vorbeigefahren waren.

Die zweite Nacht lag vor uns und es sollte eine schwierige werden, denn nun kehrte fast zwangsläufig die Müdigkeit ein. Doch nachdem ich eine halbstündige Schlafpause eingelegt hatte, fühlte ich mich wieder richtig munter und fuhr zeitweise wieder in einer gut funktionierenden Gruppe mit.

Auch als ich zusammen mit meinem Begleiter die Gruppe am frühen Morgen stehenließ, war von Schwäche keine Spur und wir fuhren zügig dem Ziel entgegen, immer wieder andere kleinere Gruppen oder einzelne Fahrer hinter uns lassend. Auf den letzten 500 Metern lieferten wir uns noch mit 6 anderen Fahrern einen richtigen Schlußsprint, und kaum zu glauben, als ich den 12er auflegte konnte mir keiner mehr folgen! In genau 50 Stunden, 59 Minuten und 56 Sekunden überquerte ich den Zielstrich als 47. im Gesamtklassement und immerhin als zweitbester Deutscher. Mein Ziel unter 50 Stunden zu bleiben hatte ich jedoch knapp verpaßt und so war ich dann auch etwas traurig darüber, daß ich bei der Reifenpanne von Peter gewartet hatte. Aber wer erinnert sich nicht an Jan Ullrich bei der diesjährigen Tour: Fairplay sollte -manchmal zumindest- vorgehen!

Das Schönste bei dieser Tour waren jedoch die vielen Zuschauer, die tags wie nachts immer wieder an der Strecke standen und jeden vorbeikommenden Radfahrer mit “Bon courage” und “Bonne route” anfeuerten und applaudierten. Dies ist wohl nur in Frankreich denkbar!

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